Illustration von Martina Bürger "Ausgequetscht"

Zum Roses Revolution Day – internationaler Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe

„Ich fühlte mich, als schwebte ich im Universum, während es gleichzeitig als Ganzes versuchte aus mir heraus zu explodieren.“

So drücke ich es meistens aus, wenn man mich fragt, wie sich die Geburt meines Sohnes angefühlt hat. Es war eine schöne Geburt. Intim, kraftvoll, in vertrauter Umgebung, mit vertrauter Hebamme und meinem Partner.

„Ich glaube, ich perforiere.“

Natürlich hatte ich Schmerzen, große sogar! Aber ich hatte Raum und Erlaubnis diese auszudrücken und mit allem, was ich dazu brauchte, erträglicher zu machen.
Ich durfte laut sein und mich frei bewegen. Ich durfte es geschehen lassen. Es gab niemanden, der mich dabei unterbrach und niemanden, der überprüfte, ob man meiner Intuition auch wirklich trauen dürfe. Und dann war Jakob da.

„Diese Geburt war elementar und urgewaltig.“

Mit großen Augen schaute er mich von unter der Wasseroberfläche an. Das warme Wasser des Geburtspools war mein Schmerzmittel und SEIN Ruhe-Vakuum zwischen der alten und der neuen Welt.

„Oh Gott, bist du hübsch!“

Das soll ich gesagt haben, als meine Hebamme meinen Sohn aus dem Wasser hob und mir an die Brust legte. Er schrie kurz und kam schließlich mit wachem Bewusstsein in dieser Welt an. Über eine Stunde lagen wir noch im Wasser. Der kleine Mensch in meinen Armen ließ sich von mir durchs warme Nass treiben, streckte seine Gliedmaßen und genoss. Ich genoss auch. Dann kam unsere Plazenta und es war Zeit den Geburts-Traum zu verlassen. Die Zeit nach der Geburt verbrachten wir zu dritt – direkt neben dem Pool – auf unserem Schlafsofa in unseren eigenen Vier-Wänden.

„Nachdem ich erlebt habe, was mein Körper kann, bin ich nicht mehr kleinzukriegen! Es war ein heilsamer Moment für mein Selbstbewusstsein.“

Diese Grenzerfahrung hat viel mit mir gemacht. Es hat helle wie dunkle Seiten an die Oberfläche gebracht, mit denen ich und mein Partner erst lernen mussten umzugehen. Doch eine Sache merkte ich schnell: die Komplexe, die ich mir um meinen Körper erdacht hatte, wichen einem selbstbewussten Frausein. Es gab Momente in denen ich hätte nackt und stolz vor die Tür treten können, mit Baby unterm Arm und der ganzen Welt zujubelnd: „Seht mich an! Dieser Körper hat dieses Wunder vollbracht! Ich liebe mich und ich liebe euch! BÄM!“

„Wenn ich das schaffe, kann ich alles schaffen!“

Das wäre jetzt der perfekte letzte Satz, um diesen Beitrag beschwingt und positiv zu beenden, gäbe es außerhalb dessen nicht so viele Geschichten rund um die Geburt, die ohne zu übertreiben zutiefst tragisch sind. Dass ich auf so stärkende Weise von dieser Geburt profitieren würde, konnte ich damals, als ich mich für meinen Geburtsort entschieden habe, nicht ahnen. Umso sicherer war ich mir aber – sollte es mir so ergehen, wie in den Berichten über Geburten in z.B. personell unterbesetzten Kliniken – würde ich das psychisch nicht verkraften.

Illustration von Martina Bürger "Ausgequetscht"
Gewalt in der Geburtshilfe – „Gewalt beginnt dort, wo Menschen zu Objekten werden.“ (Illustration: Martina Bürger)

„Wäre ich unter der Geburt so behandelt worden, wäre ich daran zerbrochen.“

Es gibt einen Tag im Jahr, an dem Frauen eine Rose vor die Kreissaaltür legen, hinter der sie entbunden wurden. Diese rosa Rose steht für die Gewalt, die sie, ihr Kind und/oder ihr Partner unter der Geburt erfahren haben.
Richtig. Gewalt. Unter der Geburt. Psychische wie physische. Meist dem überforderten Personal geschuldet – das sich aufgrund von Personalmangel zwischen 3 oder mehr Gebärenden zerreißen muss – sowie dem Kostendruck, den hausinternen Routinen u.v.m. An diesem Tag, dem 25. November, kann man auf der Facebookseite der Roses Revolution die Berichte von Frauen lesen, die unter der Geburt mit Geringschätzung, Drohung, Einschüchterung oder gar Beleidigung konfrontiert wurden. Die gezwungen wurden, entgegen ihrem Wohlbefinden, stundenlang auf dem Rücken zu liegen, damit das CTG ungestört rattern kann. Frauen, die über große Zeiträume allein gelassen wurden. Über Komplikationen, die genau deswegen nicht rechtzeitig erkannt wurden. Und fast immer ist zu lesen von groben, schmerzhaften Untersuchungen sowie Eingriffen, die sich im Nachhinein oft als völlig unnötig erwiesen… oder von Eingriffen, die die körperliche und seelische Integrität der Frauen massiv verletzten. (Nur nochmal zur Erinnerung: Ich schreibe nicht über ein Entwicklungsland… Ich schreibe über Deutschland)

Roses Revolution Day 2019 | Betroffene und Zeugen von Gewalt können ihre Erfahrungsberichte an rosesrev2019@gmx.de senden. Diese werden anonym veröffentlicht am 25.11. auf der Facebook-Seite Roses Revolution 2019

„Nur 3 bis 4% der klinischen Geburten finden frei von Interventionen statt.“

Gott sei Dank fangen die Mauern um dieses Tabuthema rasant an zu bröckeln. Immer mehr Frauen wird klar, dass sie das was sie erlebt haben, nicht deshalb erlebten, weil traumatische Geburten irgendwie naturgegeben seien… nicht, weil es nicht anders ginge… nicht, weil sie zu wehleidig wären. Sondern weil in der Geburtsmedizin und der klinischen Geburtshilfe über Jahre und Jahrzehnte ein ungesunder Kontrollwahn Einzug gehalten hat, unter dessen Wahrnehmung das Wissen über die Gebärfähigkeit von Mutter und Kind als Team nahezu vollständig verloren gegangen ist. Der Glaube, die Mutter von ihrem Kind entbinden zu müssen, weil sie nicht ausreichend in der Lage sei es aus eigenen Kräften zu gebären, wurde – scheinbar unhinterfragt – zum Standard. Die finanziellen „Anreize“ für Kaiserschnitte, Eingriffe sämtlicher Art oder die Unterbringung von Frühchen setzen dem Ganzen Irrsinn schlussendlich die Krone auf. Eine natürliche, interventionsfreie Geburt mit gesunder Mutter und einem reifen, gesunden Kind bringt einer Geburtsklinik keinen müden Cent. Doch über dieses Kapitel – über Haftpflichtprämien und Fallpauschalen – können Andere sehr viel fundierter schreiben als ich.

Anne Jandt von Mother Hood e.V. fordert: „In einem der reichsten Länder der Erde, mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt, sollte es möglich sein, dass das Ziel einer Geburt mehr ist als ein lebendes Kind und eine lebende Mutter. Eine gute Geburt sollte ein stärkendes Erlebnis sein, aus dem Mutter und Kind an Leib und Seele möglichst unverletzt hervorgehen. Das muss unser Ziel sein!“

„Ich funktioniere perfekt und wer versucht mich vom Gegenteil zu überzeugen, darf gerne aus meiner Matrix verschwinden.“

Fast schäme ich mich dafür, dass ich zu denen gehöre, die eine nachhaltig stärkende Geburtserfahrung machen durften. Andererseits hat sich erst dadurch mein Bewusstsein für die Bedeutung von Geburt bilden können, für mich als Frau, für mein Kind, für uns als Familie und für uns als Gesellschaft. Wenn ich mir vorstelle, wie machtvoll wir jenseits von Traumata, Babyblues und Wochenbettdepression (um die ich selbst trotz allem nicht herum gekommen bin) sein könnten, werde ich beinahe euphorisch. Wie stark wären unsere Kinder, mit ihrer eigenen positiven Geburtsgeschichte in den Zellen und mit lebensbejahenden, seelisch gesunden Eltern voller Selbstvertrauen? Vieles von dem, was heute so „normal“ ist und „nun mal sein muss“, würden wir wahrscheinlich nicht mehr einfach so mit uns machen lassen.

„… Veränderung beginnt mit der Wahrnehmung des Problems.“

Mit diesem Zitat von Dr. Katharina Hartmann, Leiterin des Wissenschaftsressorts von Mother Hood e.V., möchte ich diesen Artikel nun beenden. WENN es etwas für mich gibt, dass ich anlässlich des Roses Revolution Days tun kann, dann ist es wohl das Sichtbarmachen des Problems aber auch das Wieder-gerade-rücken der vorherrschenden Vorstellungen über Geburt. Mit meinen Geburtserlebnissen habe ich eine dankbare Ressource in mir, mit der ich – hoffentlich – dazu beitragen kann neue, gesündere und zeitgemäßere Bilder zu diesem und verwandten Themen zu erschaffen.

Denn: Geburt ist weder so dramatisch, wie sie uns in Kinofilmen präsentiert wird, noch ist sie so milchglas-verklärt, wie uns die hochglanz-Klinikbroschüre weiß machen möchte. Sie ist nichts, was man so einfach locker aus der Hüfte schießen kann, aber auch nichts, was so unfassbar gefährlich und unmachbar sein soll, wie alle Welt es erzählt.

Geburt ist wichtig. Verdammt wichtig! Sie verändert das Leben aller Menschen, die darin involviert sind. Ein Kind wird geboren, Eltern werden geboren. Und alle haben sie es verdammt nochmal verdient, dass der Tag, an dem ihr neues Leben beginnt, der Allerschönste in ihrem Leben ist!

Dreht die Frauen um! | Bilderserie von Martina Bürger
„Dreht die Frauen um!“ Mein Appell an alle Bildermacher. Mehr zur Bilderserie über „Geburt in den Medien“ und „Gewalt in der Geburtshilfe“ auf Instagram.

Anlaufstellen und offizielle Seiten zur Roses Revolution:

Weitere wichtige Initiativen:

  • Mother Hood e.V. – Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter & Kind, während Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr
  • Erzählcafé-Aktion von Hebammen für Deutschland

Filme/Dokus, Audios, Bücher:

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